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Januar war schon mal langweiliger

In der Mitte des Monats Januar empfinde ich festliche Höhepunkte wie Weihnachten, Silvester und Neujahr als Tage aus einer fernen Vergangenheit: noch immer Lockdown, fast ausgestorbene Innenstädte und unheimliche Stille, nur unterbrochen von notwendigen Einkäufen bei Einzelhändlern und Marktständen, die Nahrungsmittel oder Getränke verkaufen. Besucher tragen Mundschutz in vielen Variationen, Menschen gehen sich buchstäblich aus dem Weg, die Abstandsregeln und Hygieneregeln sind inzwischen vielerorts Normalität geworden, bis auf weiteres. Der Weihnachtsschmuck in den Einkaufsstrassen wirkt wie aus einer verlorenen Zeit in der Begriffe wie Coronavirus, Covid-19, Pandemie oder Inzidenzzahlen Vokabular nur für Virologen war.

Endlose Debatten in den Niederlanden über viele Aspekte des Lockdowns und der Corona Pandemie, nicht nur in den inzwischen altmodischen Medien Rundfunk & Fernsehen, sondern vor allem auch in den Sozialen Medien. Unser Land diskutiert und streitet seit Monaten über eine unendliche Anzahl von Coronathemen, bis zur möglichen Anwendung einer Ausgangssperre von Abends bis morgens früh, wie zB. schon praktiziert in Belgien, Frankreich, Italien oder Spanien. Leider wurde von einigen sofort der historisch belastete Begriff “Sperrstunde” verwendet, ohne zuerst die Frage nach der eventuellen Effektivität zu stellen.

Dann im Januar weltweite Konsternation, sogar Shock anlässlich der heimgemachten Rebellion von Trumpisten und anderen radikalen Trumpanhängern, bis zur Bestürmung des Capitols in Washington. Das politische Erdbeben hält an. Mit Spannung fiebern viele der Einschwörung des neuen amerikanischen Präsidenten am Mittwoch, dem 20. Januar entgegen. Wird der grosse, amerikanische Traum standhalten?

Unterdessen vollzog sich in unserem eigenen Ländle die Endphase einer schon länger schwelenden politischen Affaire (mindestens 20 Tausend BürgerInnen, des Betrugs beschuldigt im Zusammenhang mit staatlichen Subventionen für Kinderbetreuung).

Im Dezember, kurz vor Weihnachten der Abschlussbericht der parlamentarischen Kommission und dann schliesslich in dieser Woche der vorläufige Tiefpunkt (oder Höhepunkt?) mit dem Rücktritt des 3. Kabinetts von Mark Rutte, fortan nur noch die Amtsgeschäfte führend. Der Wirtschaftsminister hingegen, Eric Wiebes, ein eher unkonventioneller Politiker, trat noch am Freitag (15/01) als Minister zurück. Unspektakulärer Abgang durch die Seitentür.

Dieses Freitagsdrama wurde am Donnerstag, dem 14. Januar vorangegangen durch den politischen Abgang von Lodewijk Asscher, Franktionsvorsitzender der niederländischen Sozialdemokraten und als ehemaliger Minister für Soziales mitverantwortlich für diesen jahrelangen Rechtsbruch. Er sollte die PvdA (ung. die SPD in Deutschland) in den Wahlkampf führen. Aus und vorbei und tiefe Krise dort: was denn nun? Auf in den Kampf, Genossen, aber mit wem an der Spitze?

Die Fernsehbilder unseres Ministerpräsidenten, der auf seinem alten Fahrrad zum Palast des Königs fährt, um das Staatsoberhaupt offiziell um den Rücktritt seines Kabinetts zu ersuchen, gingen durch ganz Europa. Der Oppositonspolitiker der Grünen, Jesse Klaver, wird das mit Wohlgefallen gesehen haben. Nächste Woche folgt dann eine grosse politische Debatte, zweifellos eine Generalabrechnung im Parlament, wobei die für den 17. März festgeschriebene Parlamentswahl seinen Schatten auf das Geschehen werfen wird.

Der Monat Januar war wirklich oft langweiliger als diese erste Januarhälfte, trotz nagender Coronastille und der stillen Verzauberung draussen durch den ersten trägen Neuschnee seit Februar 2019.

16 Januar 2021